Waltraud   V e r l a g u e t



Wann lernt die Jungfrau lesen?

Weibliche Lesekultur im Spiegel Marias

BoD, 2025

Wir sehen Maria oft mit einem Buch in der Hand - besonders auf Darstellungen der Verkündigung. Doch wann, wie und warum ist dieses Bild entstanden? Und was sagt uns dieses weibliche Lesen? Ist es ein Zeichen der Frömmigkeit, der Selbstbestimmung? Der vorliegende Essay folgt der Spur marianischer Bildtraditionen und zeichnet zugleich die tiefere Geschichte weiblicher Repräsentationen in Kunst und Kultur nach. Maria, die liest - das bedeutet auch: die Frauen im Spiegel Mariens lesen.

Extrait

Zahlreiche Autoren prangern den Analphabetismus der Frauen im Mittelalter an und stellen den Fall von Christine de Pizan als Ausnahme dar... Dieses Urteil ist zu relativieren. Es betrachtet die Entwicklung als linear und berücksichtigt nicht die geografischen Unterschiede..

Tatsächlich schreibt Eike von Repgow, der im Jahr 1210 das bislang mündlich überlieferte traditionelle Recht Sachsens (das damals nahezu ganz Norddeutschland umfasste) verschriftlicht, dass die Waffen vom Vater an den Sohn, die Bücher hingegen von der Mutter an die Tochter vererbt werden, denn:

„Die Frauen pflegen zu lesen.“

Seit wann besteht dieser Brauch?